Methodenlehre Teil 20 – Neuromythologie – Was passiert, wenn man statistische Voraussetzungen verletzt

Soeben ist vermutlich die größte publikatorische Bombe explodiert, die ich seit langer Zeit gesehen habe: Eine Gruppe von schwedischen Autoren haben zusammen mit einem englischen Statistiker eine riesige Simulationsstudie publiziert. Sie zeigt, dass möglicherweise bis zu 70% oder mehr der insgesamt mehr als 40.000 publizierten neurowissenschaftlichen Studien, die mit funktioneller magnetischer Resonanzspektroskopie (fMRI) gearbeitet haben, unbrauchbare Ergebnisse geliefert haben und daher eigentlich ausgemistet oder repliziert gehören. [1]

Dies scheint mir einer der größten wissenschaftlichen Kollektivskandale der letzten Zeit zu sein. Und man kann an ihm sehr viel über Statistik lernen. Aber der Reihe nach.

Bevor wir uns dieser Studie widmen: Das heißt nicht, dass die MRI-Methodik falsch ist und die sog. strukturellen Imaging-Methoden unbrauchbar sind. Es geht einzig und allein um Aussagen über räumliche Ausbreitung von Aktivität bei funktioneller magnetischer Bildgebung. Aber auch das ist schon ein gewaltiger Brocken. Folgen Sie mir.

Was ist passiert?

Funktionelle magnetische Resonanzspektroskopie oder –Imaging (fMRI) ist als Forschungsmethode sehr populär. Das Verfahren basiert darauf, dass Wasserstoffatome – die überall vorkommen – über starke äußere Magnetfelder ausgerichtet werden können. Durch das gleichzeitige Anlegen und Abtasten von elektromagnetischen hochfrequenten Wellen kann man die Atome lokalisieren. Je nachdem, welche Frequenz dabei gewählt wird, kann man auch unterschiedliche Typen von Strukturen oder Molekülen sichtbar machen. Dies kann man sich zunutze machen, um zum Beispiel den Unterschied festzustellen zwischen Blut, dessen rote Blutkörperchen mit Sauerstoff gesättigt sind und solchem, das seinen Sauerstoff abgegeben hat.

Dieses sogenannte BOLD-Signal, kurz für „blood oxygenation level dependent signal“, also ein Signal, das abhängig ist von der Sauerstoffsättigung des Blutes, kann man verwenden, um abzuleiten, wie hoch die metabolische Aktivität in einem bestimmten Areal des Körpers ist, z.B. in einem Gehirnareal. Eine Zunahme deutet auf erhöhten Sauerstoffverbrauch, erhöhte Blutzufuhr, erhöhten Metabolismus und damit erhöhte Aktivität in einem Areal des Gehirns hin. Eine Abnahme auf…

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Prof. Dr. Dr. Harald Walach

Der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker Harald Walach ist Professor für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde und Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Er gilt in Fachkreisen als Forscherpersönlichkeit mit einem exzellenten Ruf und wird in der Zeitschrift „Explore“ als „einer der herausragendsten europäischen Forscher auf dem Gebiet der Komplementär- und Alternativmedizin“ bezeichnet.