Methodenlehre Teil 17: Was ist eine „wissenschaftliche Tatsache“? Ein kleines Fallbeispiel: Der „Masernprozess“

Wir hatten im letzten Kapitel der Methodenserie anhand des Replikationsproblems, das die Medizin und jetzt auch die Psychologie heimgesucht hat, gesehen: eine einzige Studie, auch wenn sie gut publiziert ist, macht noch keine Tatsache aus. Die Daten müssen auch replizierbar sein, am besten unabhängig, am besten durch andere Gruppen mit derselben oder mit einer ähnlichen Methode. Reicht das schon?

Nein. Ich habe angedeutet und schon des Öfteren hie und da ausgeführt: Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Und ein wesentlicher Bestandteil dessen, was wissenschaftlich akzeptiert ist, hängt vom Konsens einer Gemeinschaft von Forschenden und Spezialisten ab. Darauf hat als Erster und sehr prominent Ludwik Fleck in den 1930er Jahren hingewiesen. Er hat gezeigt wie schwer es eigentlich ist zu bestimmen, was eine Syphilis-Spirochäte ist, also der bakterielle Erreger der Syphilis. An diesem Beispiel konnte er belegen, wie entscheidend soziale Prozesse bei der wissenschaftlichen Konsensbildung sind.

Man kann seine Position zusammenfassen in dem Bonmot: „Eine wissenschaftliche Tatsache ist die Übereinkunft mit dem Denken aufzuhören.“

Ich will das im Folgenden anhand eines spannenden aktuellen Beispiels illustrieren: am „Masernvirenprozess“ und an der Frage „Gibt es das Masernvirus wirklich?“. Ja, das ist ein bisschen so wie die Behauptung „Bielefeld gibt es nicht“. Aber auch die hatte ihre Funktion.

Ausgangssituation

Im sog. „Masernvirenprozess“ geht es um die Frage, ob Dr. Stefan Lanka Herrn Dr. Bardens das ausgelobte Preisgeld von 100.000 Euro schuldet. Dieses wird ausgezahlt, „wenn eine wissenschaftliche Publikation vorgelegt wird, in der die Existenz des Masernvirus nicht nur behauptet, sondern auch bewiesen und darin u.a. dessen Durchmesser bestimmt ist.“ [1] Dr. Bardens hat sechs Studien vorgelegt, von denen er glaubt, dass sie die Kriterien erfüllen. Herr Dr. Lanka hat das verneint. In einem Zivilprozess hat Herr Dr. Bardens das Preisgeld erstritten. Der Beklagte, Dr. Lanka, hat Revision eingelegt.

Das ist eine höchst interessante Situation: Ein Einzelner, der in der Sache kompetent ist, bestreitet den Konsens der Mehrheit. Er tut dies mit Hilfe einer Provokation in Form eines Preisgeldes; sonst würde sich ja vermutlich niemand um diese Provokation kümmern. Wir können schon an dieser Stelle überlegen: wie sinnvoll ist diese Ausschreibung – jenseits der beabsichtigten Provokation – überhaupt? Kann es überhaupt prinzipiell möglich sein, mit einer Studie irgendeine Tatsache belegen zu wollen? Ich kann hier für ungeduldige Leser abkürzen: Das geht aus meiner Sicht prinzipiell nicht. Nirgendwo. Auf keinem Gebiet. Der Masernvirenprozess ist ein gutes Beispiel um das zu illustrieren.

Die Frage, die es zu klären gilt ist also, ob es sich bei den vorgelegten Arbeiten – Details siehe unten – um Arbeiten handelt, die wissenschaftlich sind und die geeignet sind, den Nachweis eines Masernvirus zu erbringen. Ich habe mir die sechs Arbeiten interessehalber mal angesehen, weil ich diese Diskussion spannend finde und will dazu ein paar Gedanken äußern.

Damit ist auch schon angesprochen, um was es nicht geht und was (um Missverständnissen vorzubeugen) auch nicht Gegenstand dieses Beitrags ist:

Es geht nicht darum zu klären, ob es Masern gibt oder nicht. Diese gibt es als klinisch-pathologische Entität selbstverständlich.
Es geht auch nicht darum zu klären, ob Masern durch irgend ein Virus ausgelöst und verursacht werden oder nicht,
und schon gar nicht, ob Masernimpfung wirksam und sinnvoll ist.

Was heißt nun in diesem Kontext „wissenschaftlich“?

Lesen Sie den ganzen Beitrag hier: http://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/17-was-ist-eine-wissenschaftliche-tatsache-ein-kleines-fallbeispiel-der-masernprozess/

[1] Alle Fussnoten / Quellen beim ganzen Artikel

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Prof. Dr. Dr. Harald Walach

Harald Walach ist Psychologe, Philosoph und Wissenschafts­historiker. Der Professor für Forschungs­methodik komplementärer Medizin und Heilkunde gilt in Fachkreisen als Forscher­persönlichkeit mit einem exzellenten Ruf und wird in der Zeitschrift „Explore“ als „einer der herausragendsten europäischen Forscher auf dem Gebiet der Komplementär- und Alternativmedizin“ bezeichnet.