Wissenschaft als Religion – Religion und Wissenschaft

Die aktuellen Debatten in Blogs und Internetmedien wegen einer vermeintlich „unwissenschaftlichen“ Masterarbeit, die von mir und meinem Kollegen Prof. Stefan Schmidt betreut wurde, geben mir zu denken. Ein paar Gedanken will ich hier mitteilen.

Die Sprache und die Argumentationsstruktur mancher Leute, die sich in diesem Zusammenhang in E-Mails oder in Blogs geäussert haben, erinnert mich an Zeiten, als jeder Verstoss gegen die reine Lehre der Kirche geahndet wurde. So wurden etwa im Jahr 1277 von einer Theologengruppen 219 Thesen zusammengetragen, die aus den Texten von zeitgenössischen Philosophen und Theologen stammten und die vermeintlich gegen die damals herrschende Wahrheitsauffassung waren. Wer sie lehrte, wurde gemieden, und die Texte, in denen sie vorkamen, wurden unter Verschluss gebracht. Auch einige Sätze des Thomas von Aquin waren übrigens darunter.

Wissenschaft ist für manche die neue Religion geworden

Eine solche Aktion geht von einer – religiös verbrieften – Sicht der Wahrheit aus. Man meint sie bereits zu haben, die Wahrheit, und alles was nicht konform geht, wird abgebügelt. Die interessante historische Dialektik ist nun die, dass für viele heute Wissenschaft zu einer Religion geworden ist. Die postmoderne Leere, die Entzauberung der Welt durch die wissenschaftliche Aufklärung hat dazu geführt, dass genau die, die sich für die echten Aufklärer halten, nun mindestens so dogmatisch denken und agieren, wie weiland diejenigen, die sich für die besten Christen hielten, nämlich die Inquisitoren und Glaubenswächter. Wissenschaft ist für manche die neue Religion geworden.

Solche Religionen, neue zumal, haben es an sich, dass sie über bestimmte Inhalte definiert sind. Was diesen Inhalten widerspricht, wird ausgegrenzt und verfolgt. Dann müssen Worthülsen herhalten, deren mächtigste, weil am wenigsten reflektierte der Begriff „unwissenschaftlich“ ist, gleich danach kommt „esoterisch“. Das Problem ist – das
hat die wissenschaftshistorische und wissenschaftstheoretische Diskussion der letzten 50 Jahre klar gezeigt – man kann Wissenschaft nicht inhaltlich definieren. Wer das tut, hängt einem veralteten und damit „unwissenschaftlichen“ Begriff von Wissenschaft an. Wäre das die Substanz von Wissenschaft, so hätten wir keinen Fortschritt.

Planck hat bekanntermassen den Münchner Ordinarius für Physik zu seiner Zeit um Rat gebeten, was er studieren solle. Bloss nicht Physik, antwortete dieser, da sei schon alles geklärt. So geht es, wenn man Wissenschaft auf der Basis der bekannten Inhalte definiert. Gottseidank hat Planck diesen Rat nicht beherzigt.

Nicht umsonst ist Wissenschaft in unserer Verfassung als frei beschrieben

Wissenschaft hat sich zu Recht und mit vielen Geburtswehen von der Religion distanziert. Ich wehre mich dagegen, dass sie von selbsternannten Glaubenswächtern einer selbstdefinierten Aufklärung zu einer selbstgestrickten neuen Religion erhoben wird, in der sich eben diese Glaubenswächter anmassen definieren zu wollen, was Wissenschaft, gute zumal, ist. Das weiss man dummerweise immer erst hinterher. So etwas im Vorfeld festlegen zu wollen, ist nicht nur töricht, sondern es ist auch in der Struktur diktatorisch. Nicht umsonst ist Wissenschaft in unserer Verfassung als frei beschrieben. Die momentane Kampagne dient nicht der Wissenschaft und ihrer mutmasslichen Reinheit, sondern befestigt eine altmodische Sicht, die einer Religion gleicht.

Ich habe nichts gegen Religionen. Schliesslich gibt es ja auch Pastafarier, die das Spagettimonster anbeten und Neuheiden, die am Morgen schlotternd im Tau stehen. Sollen sie mal. Aber Neu-Szientisten, die selber nichts zur Wissenschaft beitragen, sollen nach meinem Dafürhalten nicht den Diskurs darüber bestimmen, was Wissenschaft ist, sondern das denen überlassen, die Wissenschaft betreiben.

Was entscheidet dann, was wissenschaftlich ist?

Was entscheidet dann, was wissenschaftlich ist? Die Tatsache, ob Befunde publizierbar sind, die Resonanz, die sie in der wissenschaftlichen Gemeinschaft finden und damit die Aufmerksamkeit von Kollegen zu erwecken und diese zu weiterer Arbeit zu inspirieren.

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Prof. Dr. Dr. Harald Walach

Harald Walach ist Psychologe, Philosoph und Wissenschafts­historiker. Der Professor für Forschungs­methodik komplementärer Medizin und Heilkunde gilt in Fachkreisen als Forscher­persönlichkeit mit einem exzellenten Ruf und wird in der Zeitschrift „Explore“ als „einer der herausragendsten europäischen Forscher auf dem Gebiet der Komplementär- und Alternativmedizin“ bezeichnet.