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Mai
04

Ein Blick durchs Fernrohr schadet nicht! – Die Diskussion um die Kozyrev-Masterarbeit

Zur Zeit gibt es in diversen Medien und Blogs eine intensive Diskussion um eine an unserem Studiengang “Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin” (KWKM) verfasste Masterarbeit. Aus den Umständen und Zusammenhängen ergibt sich ein interessantes Bild um die Frage, welche Inhalte an deutschen Universitäten beforscht werden und welche nicht.


Zum Hintergrund: Der verstorbene russische Physiker Kozyrev hat eine sehr ungewöhnliche Theorie der Zeit und der Zeitwellen entworfen, die von der gängigen physikalischen Lehrmeinung zu Zeit und Zeitgeschehen beträchtlich abweicht. Nichtsdestotrotz sind viele Menschen von dieser Theorie fasziniert und beschäftigen sich mit dem Kozyrev’schen Zeitmodell. Unter anderem auch, indem sie sich Vorrichtungen bauen, in denen besondere Phänomene erlebt werden sollen. Ein Student unseres Studienganges hat nun einen solchen ‚Kozyrev-Spiegel‘ einer experimentellen Überprüfung unterzogen. Er hat in einem gut kontrollierten und mehrfach verblindeten Experiment Versuchspersonen Zahlen erraten lassen, die sich auf einem Zahlenkärtchen innerhalb eines solchen Kozyrev-Spiegel befanden. Die Hypothese war, dass Zahlen innerhalb eines Kozyrevspiegels besser erraten werden können, als unter Zufall erwartet. Die Kontrollbedingung war ein Spiegelimitat.

 

Insgesamt ergibt sich das Bild, dass die Kozyrev-Hypothese nicht bestätigt werden konnte

 

Das Ergebnis des Gesamttestes mit 880 Durchgängen zeigt Resultate wie unter Zufall erwartet. In einer Unterbedingung allerdings zeigte sich eine signifikante überzufällige Trefferrate. Insgesamt ergibt sich das Bild, dass die Kozyrev-Hypothese nicht bestätigt werden konnte. Interessant ist jedoch der signifikante Detailbefund. Um diesen weiter aufzuklären müsste man nun nach guter wissenschaftlicher Praxis ein Replikationsexperiment machen und schauen, ob man ihn erneut findet.

Diese Arbeit löst nun in gewissen Kreisen große Empörung aus: es könne nicht sein, dass zu solch bizarren Themen an deutschen Universitäten geforscht werde. Hier werde Esoterik Vorschub geleistet und damit dem Ruf der Wissenschaft geschadet.

 

Um zu verstehen was hier für ein Diskurs geführt wird lohnt es sich … die Dinge aus einer Distanz zu betrachten

 

Um zu verstehen was hier für ein Diskurs geführt wird lohnt es sich einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus einer Distanz zu betrachten. Im 17. Jahrhundert stellte Galilei das neu erfundene Fernrohr in Pisa auf und bat die Mitglieder seiner Philosophischen Fakultät hindurchzuschauen, um die Jupitermonde mit einen Augen sehen zu können. Die Antwort der Professoren war eindeutig: Da es theoretisch völlig unmöglich sei, dass es Jupitermonde gebe, sei es unnötig durch das seltsame Rohr zu schauen. Sprachen so und verschwanden wieder in ihren Studierzimmern.

In diesem Fall wurde die experimentelle Methode abgelehnt, weil man glaubte es besser zu wissen. Die Moderne Wissenschaft verdankt ihren Siegeszug dem umgekehrten Prinzip: der experimentellen-empirischen Methode wie sie von Galilei praktiziert wurde. Die Qualität der Wissenschaft wird durch die Qualität ihrer Methoden bestimmt. Letztendlich ist es sogar so, dass es die Methode ist, die darüber entscheidet, ob ein Vorgehen wissenschaftlich ist und eben nicht der zu untersuchende Inhalt.

 

Die Qualität der Wissenschaft wird durch die Qualität ihrer Methoden bestimmt

 

Nimmt man dieses Prinzip ernst, dann kann man damit letztendlich jede Theorie (solange sie überprüfbare Vorhersagen macht) auf ihren Gehalt durch ein Experiment abklopfen. Das ist gute Wissenschaft. Im Vorhinein festzulegen, dass eine Theorie, weil Sie ungewöhnliche Annahmen vertritt, nicht wissenschaftlich untersucht werden sollte, wie im Falle Galilei, ist jedoch ein Vorurteil. Wird dieses durch Machtstrukturen in ein Diktum für die Wissenschaft umgesetzt, ist es Zensur.

Unser Masterstudent hatte sich entschlossen, die Theorie des Kozryrev Spiegels, nicht länger zu glauben, sondern wissenschaftlich zu prüfen. Daher hat er sich aufgemacht ein Experiment zu konstruieren und musste beim Erstellen des Studienprotokolls eine Menge über Experimentalmethodik und ihre Fallstricken lernen: Versuchsleitereffekte, korrekte Randomisation, Verblindung und nicht zuletzt Statistik. Aus unserer Sicht, Prof. Harald Walachs und Prof. Stefan schmidts, als betreuende Professoren ein Gewinn. Nur wer die empirische Methode aus eigener Praxis gut kennt, hat auch die Kompetenz andere Facharbeiten zu beurteilen und adäquate Schlussfolgerungen zu ziehen – ein Lernziel des Studiengangs.

 

Wissenschaft … ist immer weltanschaulich neutral

 

Der Diskurs, dass der Inhalt der Arbeit unwissenschaftlich ist, hat also nichts mit der Wissenschaft selbst zu tun, denn diese ist immer weltanschaulich neutral. Er dreht sich darum, ob wir schon im Vorhinein entscheiden sollten, dass bestimmte Theorien und Meinungen nicht sein können und deshalb erst gar nicht untersucht werden.

Als Betreuer der Arbeit stelle ich mich hier klar auf die Position einer freiheitlichen, pluralistischen und weltoffenen Gesellschaft und damit auch Wissenschaft. Es wird immer schräge Theorien geben und es wird immer Leute geben, die diese glauben. Der beste Umgang damit ist nicht ein Vorurteil, sondern eine empirische Überprüfung. Sie ist unser stärkstes Instrument und geeignet die Zusammenhänge ans Licht zu bringen. Scheuen wir uns nicht auch ungewöhnliche Fragestellungen anzugehen und unbequeme Forschung zu machen. Ein Großteil der Forschung wird aus öffentlichen Geldern bezahlt. Macht es da denn nicht auch Sinn hin und wieder Themen empirisch aufzugreifen, die viele Menschen interessieren und faszinieren, aber nicht in das gängige wissenschaftliche Weltbild passen?

 

empirische Überprüfung … ist unser stärkstes Instrument und geeignet die Zusammenhänge ans Licht zu bringen

 

Meiner Meinung nach braucht sich niemand vor den Ergebnissen qualitativ guter Studien, wie sie nur an gut ausgestatteten Universitäten gemacht werden können, zu fürchten. Gerade diese Freiheit und Unabhängigkeit ist die Stärke der Wissenschaft. Sie stammt aus der Zeit der Aufklärung, und wurde mühsam der Kirche abgerungen. Wir sollten sie auch heute verteidigen.

Über den Autor

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Prof. Dr. Stefan Schmidt

Leiter des Wahlpflichtbereichs Gesundheitswiss. Forschung; Juniorprofessor für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, Europa-Universität Frankfurt (Oder) Weitere Tätigkeiten: Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Freiburg - Komplementärmedizinische Evaluationsforschung

3 Kommentare

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    Viadrina-Hoaxes von Bernd Kramer (SPIEGEL ONLINE), Sebastian Herrmann (Süddeutsche Zeitung) und Stefan Locke (F.A.Z.) | CAM Media.Watch sagt:

    [...] des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften der Viadrina (Beitrag 1, Beitrag 2, Beitrag 3), so drängt sich der Eindruck auf, dass Bernd Kramer hier eine reißerische Geschichte [...]

  2. avatar
    taz-Interview mit Prof. Harald Walach. Über „Esoterik“, „Aufklärung“ und postmoderne Inquisition. (→ Viadrina) | CAM Media.Watch sagt:

    [...] Prof. Dr. Stefan Schmidt, Ein Blick durchs Fernrohr schadet nicht! – Die Diskussion um die Koz… x Prof. Dr. Harald Walach, So einfach ist Wissenschaft nicht … (Eine Masterarbeit ist eine Qualifikationsarbeit), IntraG Aktuell, 16.05.2012 [...]

  3. avatar
    Faktencheck: Bernd Kramer (SPIEGEL ONLINE) und Sebastian Herrmann (Süddeutsche Zeitung) über die Europa-Universität Viadrina. | H.Blog: Homöopathie & Forschung sagt:

    [...] des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften der Viadrina (Beitrag 1, Beitrag 2, Beitrag 3), so drängt sich der Eindruck auf, dass Bernd Kramer hier eine reißerische Geschichte [...]

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